14. September 2017

Staatenlos in St. Gallen - Batja P. Guggenheim-Ami berichtet aus dem Leben ihrer Eltern

Dieser verregnete, kalte Donnerstagnachmittag bot gerade die richtige Atmosphäre, um im Seminarraum der Krone einer Lebensgeschichte zuzuhören. Batja P. Guggenheim-Ami verstand es hervorragend, uns vom ersten Augenblick an mit ihrer Geschichte in den Bann zu ziehen.

Ihr Vater, Ben Ami, ein bekannter St.Galler Maler, kam 1897 in Estland zur Welt und wuchs in Warschau auf. 1927 lernte er an einem Zionistenkongress in Basel Frida Malinsky kennen, eine St.Gallerin jüdischer Herkunft. Die beiden heirateten und liessen sich zuerst in Strassburg nieder. Sein Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung in St.Gallen wurde zweimal wegen „Überfremdung und Staatenlosigkeit“ abgelehnt. Ben Ami besass nur einen britischen Mandatspass, der in der Schweiz ungültig und wertlos war. Durch die Heirat mit einem Ausländer verlor auch seine Frau Frida ihr Niederlassungsrecht.

Mit viel Hartnäckigkeit erreichte Ben wenigstens ein Bleiberecht und eine Arbeitsbewilligung auf Zusehen, das Ehepaar war aber weiterhin staatenlos, ebenso die vier Kinder, die im Laufe der Jahre dazukamen. Während 21 Jahren blieb dieser Zustand so bestehen. Die Angst, jederzeit an die Grenze gestellt werden zu können, liess sie nie los und prägte die Familie. Erst 1951 erhielten sie das Bürgerrecht von Untereggen und viel später, 1978 jenes von St.Gallen.

Das Ehepaar Ami-Malinsky übernahm das elterliche Stoffgeschäft an der Spisergasse. Ben arbeitete im Hintergrund, hielt die Buchhaltung und die Finanzen in Ordnung, bis er sich dann ausschliesslich seiner Malerei widmen konnte. Frida betreute den Stoffladen an der Spisergasse und ihre Schwester denjenigen an der Neugasse. Das Stoffgeschäft Malinsky ist vielen von uns in lebhafter Erinnerung.

Das Zusammenleben der Beiden verlief nicht immer harmonisch, sie hielten aber zusammen wie Pech und Schwefel bis zu ihrem Tod 1995. Ben starb nur einen Tag vor seiner Frau und sie sind zusammen auf dem jüdischen Friedhof begraben.

Eine interessante und faszinierende, aber auch tragische Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Eine Geschichte aber mit viel Humor erzählt und mit familiären Episoden angereichert, die uns oft zum Schmunzeln brachten.
Wir Frauen vom 55+ hätten noch lange zuhören und noch viel Fragen stellen mögen, aber die Zeit verging wie im Fluge und der Nachmittag war leider zu Ende.

Bericht: Maria Helfenstein | Fotos: Silvia Fritz

Batja P. Guggenheim-Ami
Batja P. Guggenheim-Ami im Gespräch mit Elisabeth
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