13. April 2017

Ein reiches Leben - Kriemhilde King

Kriemhilde

Am Gründonnerstag genossen 18 Frauen im Seminarraum der Krone den farbigen Bericht der 87-jährigen Referentin.

Als der Vater von Bregenz heimkam und seiner Mutter berichtete, ein Mädchen, Kriemhilde, sei geboren, meinte diese: „Was, nur ein Mädchen. Und einen christlichen Namen hat es auch nicht.“ So wurde der zweite Name Sophie zugefügt. Der Vater, ein standfester Österreicher, arbeitete in einer chemischen Fabrik, die Mutter trug Milch aus.

Als das Kind 4 Jahre alt war, wurde ein Bruder des Vaters von Nationalsozialisten erschossen und 1936 das Haus der Familie mit Phosphor in Brand gesteckt. 1938 wurde der Vater verhaftet, aber nach 14 Tagen wieder frei gelassen. Die Mutter war damals mit dem ersten Bruder hochschwanger. Es kamen noch zwei Brüder zur Welt.

Hunger nach Nahrung und Bildung

Der Vater wurde eingezogen. 1943 erhielt die Familie Bescheid, der Vater sei gefallen. In den letzten Kriegsjahren hörte man tief versteckt unter Wolldecken Schweizer Radio. Bei Kriegsende war Kriemhilde 15-jährig und jederzeit bereit, für die Familie Kleider und Nahrungsmittel herbei zu schaffen. So hörte sie, am Bahnhof gebe es Schuhe. Sie brachte ein Ladung heim. Es waren lauter linke, aber sie konnte im Dorf linke Schuhe gegen rechte tauschen.

Als sie im Schwimmbad hörte, die Käsefabrik sei offen, holte sie im Badeanzug einen Laib und rollte ihn heim. Wo es etwas zu organisieren gab, war Kriemhilde dabei. Nach acht Schuljahren wollte sie eigentlich die Handelsschule besuchen, doch da war in Österreich noch nichts am Laufen. So fragte sie eine Cousine, ob sie in der Schneiderei, wo diese arbeitete, nicht nähen lernen könne. Sie bekam einen Lehrvertrag und arbeitete nach der Lehre in einer Manufaktur für Lederhosen.

Ein Inserat brachte sie 1950 nach Herisau. Als erfahrene Ledernäherin erhielt sie einen guten Lohn und dachte, so für ein, zwei Jahre wolle sie in der Schweiz bleiben. 1954 fand sie in St. Gallen in einem Konfektionsbetrieb eine neue Stelle und blieb dort bis zur Liquidation 1990, zuletzt als Leiterin des Ateliers.

Einbürgerung in St. Gallen

Als sie 1957 ihren Sohn gebar, war ihr Chef sehr hilfsbereit. Allerdings musste sie das Kind aus Zeitgründen für die ersten acht Jahre bei der Grossmutter in Lochau unterbringen und konnte Wolfgang nur am Wochenende besuchen. Mit acht Jahren durfte er zu ihr nach St. Gallen ziehen. Die Grossmutter kam mit und blieb die nächsten sieben Jahre, bis sie nach einem Schlaganfall zum Sohn nach Lochau ziehen musste.

Der Chef riet Kriemhilde, sich in St. Gallen einbürgern zu lassen. Allerdings konnten in St. Gallen Zentrum keine Katholiken aufgenommen werden. Dafür erhielt sie von Tablat das Bürgerrecht und bezahlte Fr. 100.- an die Eidgenossenschaft, Fr. 2500.- an die Stadt und Fr. 500.- an den Kanton, was für eine Schneiderin nicht wenig war. Die Urkunden von Stadt und Kanton haben eine hohe Bedeutung für die „Papierlischwizeri“.

Mit der Hochzeit des Sohnes und dem Bau eines Hauses in der Speicherschwendi kam Kriemhilde ins Ausserrhodische. Nach der Geburt der vier Kinder kaufte sich die Familie King das jetzige Wohnhaus im Schupfen.

Kriemhilde geht heute noch an 4 Tagen in der Woche in ihr Atelier in St. Gallen, das sie 1990, vier Tage nach der Schliessung des früheren Betriebs, eröffnet hat. Viel Freude macht ihr auch die Arbeit für die Nonnen im Kloster Notkersegg.

Bericht: Hanni Brogle | Foto: Peter Abegglen